Haus in Seebeck

2000/2001

Umbau einer Scheune

Adresse:
Seebeck-Strubensee

Brandenburg

Bauherr: privat 

Mitarbeiter:
Simon Bange, Sebastian Nordmeyer, Ulrike Tillmann, Tobias Zepter

Leistungen: HOAI LPH 1-9

BGF: 954 qm

Deutscher Umbaupreis 2004

Anerkennung Architekturpreis der Reiner Stiftung 2003/2004



Moderne Architektur und die Gebrüder Grimm

Auch im beginnenden Alter war meine Vorstellung von einem Haus auf dem Lande immer noch von Grimms Märchen geprägt: Klein musste es sein, die hölzernen Wände eng um die Bewohner gerückt, niedrige Decken, ein tief gezogenes Walmdach und eine schwere Eichentür, die in den Angeln quietschte. 

Dass mein Leben schließlich Spuren hinterließ und Forderungen stellte, denen sich so ein Märchenhäuschen nicht recht fügen wollte: Sechs Kinder und zwei Stiefkinder mitsamt Anhang, jede Menge Enkelkinder, dazu meine Freunde und deren Freunde und überhaupt – Gott sei Dank – viele Freunde, änderten nichts an den alten Träumen.

Märchenhäuschen pflegten im Wald zu stehen. Andererseits brauchte ich persönlich dringend Wasser, und mein New Yorker Ehemann fand es vor allem angemessen und notwendig, von uns aus direkt nach Afrika schwimmen zu können.

Vermutlich waren diese etwas konträren Vorstellungen der Grund, warum wir so lange haben suchen müssen, ein oder zwei Jahre, und dass wir schließlich fündig geworden sind lag mehr an Frustration und Ermattung als an Überzeugung.

Ein Brandenburgischer Vierseithof, vorne parallel zur Straße das ehemalige Wohnhaus des Bauern (noch halb bewohnt), im rechten Winkel dazu rechts und links zwei Ställe und zum See hin, das Quadrat schließend, eine große, lang gestreckte Scheune. So weit, so gut. Aber dann: Zwischen Scheune und See ein riesiger, tief betonierter Dreschplatz, dahinter der Misthaufen des ganzen Dorfes, und außerdem noch Betonstallungen fast bis zum See hinunter. Früher eine Anlage der LPG, jetzt eine dörflich Coop.

Die Freunde Modersohn und Freiesleben wurden geholt, sie fanden grundsätzlich jedes Problem lösbar, und nachdem wir dann das Gelände zu einem recht moderaten Preis gekauft hatten, empfahl es sich für uns, die Köpfe erst mal in den Sand zu stecken und die beiden Optimisten machen zu lassen. 

Dass unter dem Druck schwerwiegender (Beton-)Probleme meinen unrealistischen Klein-Klein-Träumen die Luft ausging, versteht sich dabei von selbst. Eine gewisse Zwanghaftigkeit stellte sich ein, denn wer A sagt, muss auch B sagen, und wenn ich auch zwischenzeitlich überhaupt nicht mehr wusste, warum ich je A gesagt hatte, konnte ich doch fest darauf bauen, dass M&F es ganz genau im Auge behielten: Nämlich die Schönheit Brandenburgs, die Weite des Grundstücks nach Entbetonierung und Entmistung und vor allem der Seeweg nach Amerika. Hinzu kam, dass sie kommentarlos sogar meine Märchenwünsche verinnerlicht hatten.

Die Scheune, die wir dann ausbauten, hatte eine Grundfläche von 400 qm und eine hohes Walmdach. Sie bestand aus einem einzigen Raum ohne Zwischendecke.

Selbstverständlich werden wir die ganze Grundfläche nutzen – sagten M&F, klar, Großflächigkeit ist ein Geschenk. Ein weiteres Geschenk: Da keine Decke vorhanden ist, können wir die Deckenhöhe endlich mal nach Lust und Laune bestimmen. Auch klar. Doch leider differierten Modersohns und Freieslebens Höhenvorstellungen erheblich mit einem eigenen. Wie soll ich mich denn auch von meinen vier Wänden beschützt fühlen, wenn die Decke so hoch über mir schwebt, als wolle sie gleich davonfliegen?

Außerdem darf ein Raum nicht höher sein als lang oder breit – dachte ich. Wir kämpften um jeden Zentimeter – M & F siegten auf der ganzen Linie. Wie sie das hingekriegt haben, weiß ich nicht mehr, vermutlich verfügten sie in ihrer sachlichen Professionalität über mehr Geduld und Überzeugungskraft, als ich in meiner Heimchenmentalität.

Jetzt ist der Scheunenausbau acht Jahre alt. Inzwischen habe ich mich an die Raumhöhe gewöhnt, in Gemeinschaft mit Gästen finde ich es sogar sehr angenehm, die Großzügigkeit dreidimensional zu erleben. Liege ich allerdings auf dem Bett im Schlafzimmer und sehe nach oben, habe ich immer noch das Gefühl, ich könnte mitsamt der Zimmerdecke davonfliegen. Was jedoch nicht das Allerschlechteste wäre.

Allgemein hat sich das Haus ganz wunderbar bewährt, für Freunde und Familie - so gut, dass wir bislang noch niemanden gefunden haben, der eines der beiden Nebengebäude ausbauen wollte. Wozu denn, sagen unseren Lieben, wir können doch bei Euch Wohnen. Und was die Märchenwünsche anbelangt: Im Anschluss an die übrigen 300 qm gibt es einen privaten Teil – abschließbar! Zwei Arbeitszimmerchen, zwei Bädchen, ein Schlafzimmerchen mit Fliegedach. Die Gebrüder Grimm hätten ihre Freude daran.
H.H.

Aus: Tobias Zepter, Modersohn & Freiesleben. Das Leben der Dinge, Ostfildern 2009

Haus in Seebeck

2000/2001

Umbau einer Scheune

Adresse:
Seebeck-Strubensee

Brandenburg

Bauherr: privat 

Mitarbeiter:
Simon Bange, Sebastian Nordmeyer, Ulrike Tillmann, Tobias Zepter

Leistungen: HOAI LPH 1-9

BGF: 954 qm

Deutscher Umbaupreis 2004

Anerkennung Architekturpreis der Reiner Stiftung 2003/2004